Erinnerungen
AikaDonnerstag 09.Dezember.2010 10.41

Erinnerung an eine Doggenhündin, die 2009 gestorben ist.


AIKA hat mich so viel gelehrt. Was ich durch die Begegnung mit ihr lernen durfte und was wir gemeinsam erlebt haben, davon will ich hier berichten. Ich sah AIKA zum ersten Mal vor zehn Jahren bei einem Viehhändler in Brandenburg AIKA eine gefleckte Hündin, damals noch nicht zwei Jahre jung, saß zusammen mit der dreijährigen Brenda in einem Käfig von ca. 10 qm ohne Schlafplatz. Die Hündinnen rasten dort völlig durchgedreht hin und her, bettelnd herausgelassen zu werden. Dann wieder knurrten sie sich an und bedrohten einander, AIKA war die unterlegene ... Als Futter gab es Speckschwarten vom Schlachthof, die Doggen waren verfettet mit glanzlosem Fell als Folge des Vitamin- und Mineralstoffmangels. Gegen alle vernünftigen Überlegungen habe ich beide in mein Auto gesteckt und sie in eine nahe gelegene Tierpension gebracht. Und sie bissen sich auf dem Weg dorthin im Auto nicht, schienen vielmehr erleichtert, endlich dem Zwinger entkommen zu sein. In dieser Tierpension in der Uckermark, konnten sie zusammen mit anderen Hunden in einem großen Auslauf leben. Also hatten sie wenigstens mehr Bewegungsmöglichkeit, immer noch keinen angemessenen Schlafplatz und nicht den ersehnten engen Menschenkontakt. Wochen später holte ich beide Hunde nach Schleswig-Holstein in eine andere Tierpension, die damals eine Zwischen-Station für unsere Not-Doggen war. „Brenda fand schnell ein Zuhause, bei AIKA kamen mehrere ungünstige Umstände zusammen, weshalb sie so lange auf ihren Menschen warten musste. Im Sommer 1999 waren es die armen Bohling-Hunde (12o Doggen in Not), die alle unsere Kräfte beanspruchten. AIKA lebte mit in der Doggengruppe, unruhig, aufgedreht, rastlos um Zuwendung suchend. Ende September der erste Vermittlungsversuch, nach einem Tag wurde sie wieder zurückgegeben, da die 15jährige Tochter Angst vor ihr hatte, außerdem hatte AIKA dort drei Hühner gejagt und getötet. Einen Monat später ein erneuter Versuch: die Menschen hatten bis vor einem Jahr eine Doggenhündin, die dann gestorben war. Ich habe das Zuhause überprüft und AIKA durfte dorthin. Schon nach einer Woche kamen erste Klagen wegen Unsauberkeit (derartige Probleme gab es mit AIKA auch in der Tierpension). Aber man wollte es noch weiter versuchen. Zu diesem Zeitpunkt waren alle unsere Aufnahmekapazitäten gänzlich erschöpft, so zumindest versuche ich mich zu entlasten, dass ich nicht sofort zu AIKA hingefahren bin. Es folgten weitere Telefongespräche, in denen immer offenkundiger wurde, dass AIKA nicht von ihren Menschen angenommen wurde: sie habe keine Beziehung zu Menschen, sei unsauber und ruhelos. Inzwischen waren fast vier Wochen vergangen. Als ich dorthin kam, hatte AIKA gerade wieder eine Pfütze vor der Terrassentür hinterlassen (also wollte sie doch raus und niemand hat sie bemerkt), der Mann war wütend, ich sah AIKA im Garten, sie mich noch nicht, der Mann rief nach ihr, sie antwortete mit einer ängstlichen Körperhaltung und kam nicht. Dann zeigte ich mich und sprach mit ihr, sie rannte zu mir und fast möchte ich sagen- umarmte mich vor Freude. Zwischendurch einige Schritte in der Wohnung geduckt und ängstlich. Sie war überglücklich als ich sie mitnahm, sprang in mein Auto und schlief auf dem Rückweg (ca. eine Stunde) einen tiefen erschöpften Schlaf. Sie musste zurück in die Tierpension, war dort weiterhin unsauber, sie begann fröhlicher zu sein, aber auch wieder sehr unruhig und wild. Ab Dezember und den ganzen Januar 2ooo hindurch konnte AIKA bei Brigitta D., die zu unserem Kreis gehört, sein. Brigitta hätte die Hündin gern für immer behalten, aber ihre eigene sehr unverträgliche Doggenhündin ließ das nicht zu. So mussten die Hündinnen stets voneinander getrennt gehalten werden. Aber AIKA durfte mit ihrer Pflegemama ab und zu spazieren gehen und nachts vor der Schlafzimmertür in ihrem Korb schlafen. Das war ein bisschen Glück. Und AIKA war völlig stubenrein und wurde ruhiger und zufriedener. Eine Familie in 8oo km Entfernung meldete sich und wollte gern AIKA bei sich aufnehmen. Es gab dort schon einen Doggenrüden (weiß und taub) und eine Schäferhund Mix Hündin. Beide Hunde lebten eng mit ihren Menschen zusammen und in allen zuvor geführten Telefongesprächen wurde immer wieder versichert, AIKA unbedingt haben zu wollen. Anfang Februar 2000 fuhr ich mit AIKA dorthin, nach ca. 9 Stunden Fahrt das vereinbarte Treffen in einem Wald bei Kaiserslautern. Zwischen den beiden Hündinnen, die zunächst einander begegneten, gab es keine Probleme. Aber dann der sehr große weiße Doggenrüde, der schon mit einem Maulkorb in seinem Auto saß (angeblich weil er dort sonst im Auto „randalieren“ würde), er stürzte sich ohne Vorwarnung auf die völlig verzweifelte AIKA und hätte diese sicher schwerst verletzt, wäre er nicht durch den Maulkorb daran gehindert worden, der Mann hatte keinerlei Einwirkungsmöglichkeiten auf seinen Hund. AIKA rannte, mich mitziehend, zu unserem Auto und ich ließ die zitternde Hündin schnell rein. Ebenso schnell war dann auch der Mann mit seinen Hunden verschwunden, nachdem ich ihm sagte, dass ich niemals AIKA bei ihm lassen würde. Und dann saßen wir beide, AIKA und ich, 8oo km von Zuhause entfernt in unserem Auto in einem Wald und ich war so verzweifelt, weil AIKA immer noch kein Zuhause hatte Sie musste wieder in die Tierpension zurück, eine Rückkehr in die Pflegestelle gab es nicht. AIKA reagierte sofort mit heftigem Durchfall und wirkte stundenlang verunsichert. Wir übernachteten bei Freunden, sie konnte neben mir schlafen und wurde etwas ruhiger.“
Kurz danach fanden wir den richtigen Menschen für AIKA. Davon später. .


Die Erkenntnisse, die ich durch diese Hündin begreifen lernte, waren nicht neu für mich, aber sie hat mir nachdrückliches und unvergessliches Anschauungsmaterial dafür geschenkt, das ich in Bildern in mir trage. Und jetzt da AIKA im hohen Alter von fast zwölf Jahren als eine behütete und geliebte Hündin gestorben ist, werden diese Bilder lebendig. Sie hat das mir damals durchaus schon verfügbare theoretische Wissen über das „Wesen“ hochorganisierter Säugetiere (Menschen wie Hunde) mit unauslöschlichen Erfahrungen belegt. Auch das Sosein eines Hundes ist bestimmt durch seine Lebensgeschichte, eine individuelle und eine phylogenetische, und einen komplexen Wechselwirkungsprozess mit aktuellen Lebensbedingungen. AIKA hat mir eindrucksvoll gezeigt, dass es Lebensbedingungen gibt unter denen sie nicht leben kann ohne mit Verhaltensstörungen zu antworten. AIKA war teilweise unverträglich mit anderen Hunden und immer wieder unsauber im Haus. Sie hat monatelang, vielleicht ihr ganzes Leben lang bis ich sie befreien konnte, in einem Gitterkäfig gelebt in Monotonie und Bewegungsarmut ohne Kontakte zu Menschen. Die Hündin stammt aus einem DDC-Zwinger übelster Sorte, gegen den ich jahrelang durch Anzeigen beim Zuchtverband angekämpft habe. Ohne viel Erfolg. Diese Hündin, die so geradezu gierig den Menschen suchte, an dessen Seite sie leben durfte, musste ihre Kindheits- und Jugendjahre in Isolierhaft verbringen. Als ich sie nach den vielen gescheiterten Vermittlungen zu Herrn K. brachte, wusste ich, das wird ihr bleibendes Zuhause sein. Die Trennung von ihr war schwierig, denn AIKA wollte mit mir gehen.
Am Telefon erzählte mir Herr K. am nächsten Tag, AIKA habe bei ihm geschlafen und dann hätten sie gemeinsam gefrühstückt, um dann zum Spaziergang aufzubrechen. Die „unsaubere“ AIKA hat nie wieder ins Haus gepieschert, die „unverträgliche“ AIKA nie wieder andere Hunde angegriffen, sie war einfach eine glückliche und in sich ruhende Dogge, die mit ihrem Menschen zusammenlebt. Ich denke mit viel Dankbarkeit an sie. Teile des Textes sind Protokolle von mir, die in den Tätigkeitsberichten der Doggen-Nothilfe aus den Jahren 1999 und 2ooo enthalten sind. .


Eva Gorski/Doggen-Nothilfe April 2009


by Lydia Muus E-Mail        

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