Erinnerungen
FalkoDonnerstag 09.Dezember.2010 10.44

Ich möchte erinnern an den jungen Doggenrüden, der getötet wurde, weil Menschen in ihrer Fürsorgepflicht so versagt haben.


 


Gedanken zur Tötung einer jungen Dogge


 


Ein junger Doggen-Rüde (22 Monate) ist getötet (eingeschläfert) worden wegen mehrfacher Beißangriffe gegenüber Menschen


 


Seit dem Tod dieses Hundes, ich werde ihn Falko nennen, sind mehrere Wochen vergangen. Meine Betroffenheit, meine Wut und auch  Verzweiflung sind immer noch gegenwärtig, deshalb schreibe ich diese Überlegungen auf. Ich bin sicher, es hätte eine Chance gegeben, Falko in die Menschenwelt zu integrieren ohne ständigen Kampf und die Erfahrung von „Siegreich-Sein“ oder „Besiegtwerden“


Wir – auch ich – haben versagt, weil wir nicht schnell genug eine Möglichkeit gefunden hatten, ihn dort, wo er die letzen Tage verbrachte, wegzuholen.


Ich will nicht Schuld zuschieben, nicht anklagen, ich will nur versuchen zu verstehen, um daraus zu lernen. Will verstehen, wie der Lebensweg dieses Hundes verlaufen sein könnte, wie dieser Hundecharakter entstehen konnte, der sich so sehr von dem üblichen einer Dogge zu unterscheiden schien. Was muss geschehen sein, wenn eine Dogge ihre eigenen Menschen nicht mehr an sich herantreten lässt?


Als ich Anfang März von Falko hörte, schrieb ich eine Art  Gedächtnisprotokoll über die bis dahin mir verfügbaren Informationen. Damit wandte ich mich an Lydia Muus  vom Doggenschutz, eine mir seit Jahren vertraute Tierschützerin. Ich will den gesamten Text hier wiedergeben.


Hallo Lydia, inzwischen habe ich noch weitere Einzelheiten über den Doggen-Rüden erfahren können, von dem ich Dir gestern schon kurz berichtete: Zunächst rief  Frau H. aus Süddeutschland bei mir an und bat dringend um Hilfe. Ein zweijähriger Rüde habe schon mehrfach nach seinen eigenen Leuten gebissen (geschnappt?)  und diese hätten den Gedanken entwickelt, ihren Hund einschläfern zu lassen. Der Tierarzt, zu dem die Dogge gebracht wurde,  habe eine Tötung abgelehnt und wohl zur Kastration geraten. Jedenfalls ist der Rüde am Freitag kastriert worden. Als die Frau H. – sehr engagiert und verzweifelt - bei mir anrief, saß der frisch operierte Hund seit Stunden im Auto und ließ seine eigenen Leute nicht mehr an sich heran. Ich gab der Frau H. die Tel.Nr. der Tierfreunde Niederbayern und empfahl  ihr auch dort um Hilfe nachzusuchen. Kurz danach meldete sich Frau H. wieder und berichtete, dass eine Frau aus ihrem Umfeld den armen Hund aus dem Auto geholt habe und er jetzt erst einmal für einige Tage in einer „Quarantäne-Station“ untergebracht sei.


Gestern Abend (Sonnabend) war  Frau G. ( ebenfalls gleichermaßen verzweifelt wie engagiert )am Telefon und ich erhielt von ihr folgende Informationen: Falko stammt von einem Züchter mit Zwingernamen (den ich noch nicht kenne) und ist von Welpenalter an bei den Hundehaltern gewesen. Schon im Alter von 5 Monaten soll der Junghund seine Leute gebissen haben. Eine Hundeschule wurde nie besucht, obwohl erkennbar jeglicher Grundgehorsam fehlt. Der Hundehalter habe die Dogge so verprügelt, dass sie „sich eingepinkelt“ habe. Wann und wie oft das geschehen ist, weiß ich noch nicht. Es wurde dann ein Trainer hinzugezogen, der zu harten Maßnahmen riet. Möglicherweise ist der arme Kerl auch hier erneut geschlagen worden. Kurz vor dem Tierarztbesuch habe die Frau des Hauses Falko aufgefordert, sich hinzusetzen (oder wegzugehen, jedenfalls irgendein Kommando auszuführen), der Hund habe erst geknurrt, dann habe er nach dem Arm der Frau gebissen und versucht, durch Hochspringen an ihren Hals oder Kopf zu kommen. Der anwesende Mann habe ihn zurückdrängen können.


F. G. hat mir noch weiter erzählt, dass der Rüde in keinster Weise an der Leine gehen könne und dass er 75 KG wiege.


Wir alle (Frau H., Frau G.) und ich wissen, wie extrem schwierig es sein wird, für diesen Hund eine Pflegestelle oder gar ein Endzuhause zu finden. Wir sind aber auch dahingehend einer Meinung, dass es zumindest versucht werden müsste, den hinter diesen jetzt gezeigten aggressiv erscheinenden Verhaltensweisen liegenden Motiven dieses Junghundes nachzuspüren, um ihm zu helfen, statt immer nur zu strafen oder seinen Tod in Erwägung zu ziehen. Vielleicht – so denke ich- hat sich Falko noch nie in einer Hund-Mensch-Beziehung wirklich sicher gefühlt, an der Seite eines starken verlässlichen Menschen, dem er vertrauen kann.


Liebe Lydia, behandle diesen Text bitte vertraulich. Vielleicht finden wir gemeinsam doch einen Weg, auf dem wir Falko begleiten können


.


Liebe Grüße                                                     08. März 2009


Eva


 


Stunden später kam die Nachricht, dass Falko getötet worden sei, da er erneut einen Menschen gebissen habe.


 


Mir stehen nur wenige Beobachtungsberichte und Angaben zur Verfügung, um daraus hypothesenartig einen Prozessverlauf zu konstruieren mit dem mir bekannten Ende.


 Das Zuhause von Falko wurde mir geschildert als ein zumindest äußerlich fürsorgliches Umfeld (weiche Hundeplätze und Kissen) .Bis etwa drei Monate vor seinem Tod soll der Hund sich noch habe streicheln lassen.


 Andrerseits müssen die Menschen sich grob strafend ihrem Hund gegenüber verhalten haben, ohne der jungen Dogge verstehbar zu machen, welches die erwünschten Verhaltensweisen sein sollten. Niemand hat ihn geschützt.


Kontakte zu anderen Hunden zum Spielen und Einüben sozialer Verhaltensmuster gab es wohl nicht, ein Versuch mit ihm eine Hundeschule zu besuchen wurde abgebrochen. Eine sichere Hunde-Mensch-Beziehung mit einem starken verlässlichen Menschen und einer klaren Rangordnung hat es nicht gegeben.


Vertraute Menschen verprügelten ihn und streichelten ihn. Nach dem ersten körperlichen Übergriff wird dieser Junghund nicht mehr angstfrei und entspannt gekuschelt haben


Der häufige Wechsel von Verwöhnung (und Inkonsequenz) und Bestrafung (Härte) führt auch im humanen Bereich mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Persönlichkeitsdeformation des heranwachsenden menschlichen Kindes und zu Verhaltensstörungen..


Falko begann mit seinem zunehmenden Erwachsenwerden (psychisch und physisch) eine Wende vom Opfer-Status zur Täter- Position zu vollziehen. Nun hat der Rüde nicht mehr gewartet, ob und bis sein Mensch. ihn strafen würde, sondern er hat schon vorbeugend bei geringsten Anlässen oder Anforderungen mit Drohgebärden und Angriff reagiert.


Vermutlich hat der arme Kerl in den letzten Tagen (Wochen) nicht mehr zwischen unterschiedlichen Menschen differenzieren können (vielleicht waren sie alle feindlich für ihn), die Welt war für ihn so bedrohlich geworden, weil jeder Mensch ein potentieller Bedroher hätte sein können. Er war in einen Zwang geraten, immer angriffsbereit zu sein, um nicht unterlegen zu sein, das führte zu einem dauerhaft hohen Erregungsniveau und einer sehr niedrigen Schwelle zur Auslösung von Angriffen zur Verteidigung. So muss es in den letzten Stunden in dem „Quarantäne-Zwinger“ gewesen sein.


Es ist eine grundlegende Gesetzmäßigkeit lebendiger Systeme, dass pathologische Bedingungen das Gehirn eines Säugetiers (ob Hund oder Mensch) dazu zwingen, pathologisch zu funktionieren.  Als Folge zeigen sich dann auf der Erscheinungsebene Verhaltensstörungen, die üblicherweise mit den Mitteln bekämpft werden, die zuvor das Ergebnis verursacht haben.


Menschen, die von ihrem Hund berichten, dass dieser sie im Alter von 4-5 Monaten „gebissen“ habe und das als Beleg für „Dominanz“ oder „Aggressivität“ angeben, sollten grundsätzlich ihre Kenntnisse über die Entwicklung von hochorganisierten Säugetieren überprüfen .Ein Hundekind beginnt mit 4 Monaten mit dem Zahnwechsel; natürlich beißen die Kleinen mit ihren spitzen Milchzähnchen, alles, was sie erreichen können. Aber das hat mit Aggressivität nichts zu tun.


 


Falko fand sich zunehmend in einer für ihn nicht mehr überschaubaren zuverlässigen Umwelt, und das in einem Lebensabschnitt, in dem er selbst alterstypisch intensiv auf der Suche nach einem sicheren und anerkannten Platz in einem Menschenrudel war. In einer Zeit, die aber auch durch die entwicklungslogische Notwendigkeit bestimmt ist, Situationen und Grenzen zu testen und Handlungsmöglichkeiten auszuprobieren. Dieses Bedingungsgeflecht führte zu dem desorganisierten Verhalten dieses Hundes, was dann wiederum neue Sanktionen hervorrief.


Schläge -> Plan zur Tötung durch den Tierarzt -> Kastration -> stundenlanger Aufenthalt im Auto nach der Operation -> Zwinger/Eingesperrtsein/fremde Menschen -> Angriff gegen einen Menschen –> Tötung         


 


Ich lebe seit fast vierzig Jahren mit Doggen zusammen, sie haben mein Leben unsagbar bereichert und ich habe viel von ihnen gelernt. Mit zunehmendem Alter erlebe ich immer intensiver, welch ein kostbares Geschenk es ist, gemeinsam mit einer Dogge ein Stück meines Lebensweges gehen zu dürfen.


So weiß ich ganz sicher, dass nur auf der Grundlage einer ganz engen und verlässlichen Hunde-Mensch-Beziehung eine Dogge wirklich zu erziehen ist, so dass sie in unserer Menschenwelt leben kann. Um mit einer Dogge wirklich zusammenleben zu können, muss sie erzogen sein, gehorsam und vertrauensvoll gegenüber vertrauten Menschen. Eine gelungene Hunde-Mensch-Beziehung bedarf eines starken Menschen, der seinem Hund Schutz , Hilfe und Führung bieten kann  Alle anderen Erziehungsmaßnahmen sind nur Dressurakte, die irgendwann dazu führen, dass ein so großer und starker Hund wie eine Dogge mit dem ausgeprägten Bedürfnis nach Zuwendung sich – in einer Situation der Schwäche des Menschen- gegen seinen Dressurmeister richtet. Das gilt ganz besonders für heranwachsende Rüden.


 


Eva. Gorski                                     26.o3.09


 


Nachtrag: Meine Bitte an Frau G. ihrerseits einen kurzen Bericht zu erstellen über die letzte Stunde, die sie in Falkos Nähe war, konnte nicht erfüllt werden, da Frau G. derzeit im Krankenhaus ist. 


Eva Gorski                                      15.04.09


 


by Lydia Muus E-Mail        

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