Erinnerungen
Willi und DaschaMontag 10.Januar.2011 20.25

Willi, (auch: Sir Wilfried) im Wald


 


Ein kleiner Rückblick auf die Begegnung mir Frau Gorski, die uns zu unserem Willi verholfen hat und mit ihrem bewundernswerten Einsatz in der Doggen-Nothilfe uns dazu veranlasst hat, zusätzlich einen Pflegeplatz für ein Dogge in Not einzurichten. Mit dem Entschluss, sollten wir uns nicht mehr von diesem Pflegehund trennen können, einer zweiten Dogge in Christianslust ein zu Hause zu geben. Vorausgesetzt, Willi ist damit einverstanden.


 


Nun aber dazu wie alles begann.


 


Unser Freund Bernd besucht uns und wir sitzen gemütlich in der Küche und trinken Kaffee. „Es wird Zeit, dass wieder ein Hund ins Haus kommt.“ Ich horche auf! Dies aus dem Mund meines Mannes? Innerhalb eines viertel Jahres hatten wir unsere beiden Hunde verloren. Thyggo, 13 Jahre, musste wegen eines Nierenleidens eingeschläfert werden. Thor, knapp ein Jahr alt, lief meinem Mann direkt ins Auto. Es gab keine Rettung. Ein Unfall, der uns lange belastete.


 


Endlich! Nach mehr als sechs Monaten die winzige Hoffnung, dass wieder ein Hund in Christianslust leben würde.


 


Ich sitze am Telefon. „Bitte die Telefonnummer des Tierheims Süderstr. in Hamburg. Aha, ja Danke.“ Diskret aber unübersehbar bringe ich den kleinen weißen Zettel mit der großen schwarzen Telefonnummer auf den Schreibtisch meines Mannes in Position. Die erwünschte Wirkung blieb aus.


Nach Tagen fragte ich fast entmutigt: „Wann fahren wir ins Tierheim?“ „am Wochenende.“ Ohne Hund aber mit der Internetadresse der Doggen Nothilfe in der Tasche kamen wir wieder zu Hause an. Mein Mann hatte seinen Thor gesucht, ihn aber nicht gefunden.


War es doch noch zu früh für einen neuen Hund?


 


Erst am späten Abend ging mein Mann ins Internet und wir setzten unseren Hundewunsch hinein. Wieder entstand das Bild von Thor. Groß, kräftig, schwarz usw.


 


Eine Antwort kam schnell und wir erhielten die Telefonnummer von Frau Gorski, die uns skeptisch und prüfend bei unserem ersten Telefonat auf Willi hinwies, der in unserer Nähe in einer Pflegestelle lebte. „Schauen Sie ins Internet, dort gibt es ein Bild von Willi und die Nummer der Pflegefamilie. Ich komme am Samstag um 14 h, um Sie kennen zu lernen und die Unterbringung eines Hundes zu überprüfen.“


 


Abends wieder im Internet.


„Dea, komm mal bitte, hier ist Willi.“ So schnell bin ich noch nie von einem Sofa gesprungen. Und dann meine Enttäuschung. Da war zwar Willi, aber nicht schwarz und überhaupt keine Ähnlichkeit mit Thor. Willi ist hell mit schwarzer Maske. Doch sein Bild ließ uns irgendwie nicht los und plötzlich gab es kein Halten mehr. Am nächsten Tag Anruf bei der Pflegefamilie, die sofort Zeit für uns hatte. Auf der Fahrt von der Nordsee zur Ostsee war meine Aufregung kaum noch zu unterdrücken. Keine Reaktion bei meinem Mann. Wie wird die erste Begegnung verlaufen?


Sie erwarten jetzt bestimmt das spektakuläre Erlebnis. Weit gefehlt. Mich erwartete ein Hund, der mich optisch überhaupt nicht ansprach, und ich war sicher, auch mein Mann würde auf diesen so völlig anderen Thor nicht reagieren.


Aber es kam anders.


Wir verließen die Familie mit der Bitte, Frau Gorski möge Willi am Samstag gleich mitbringen. Willi war unser Hund. Wir wollten keinen Tag länger auf ihn warten. Es war einfach Willi, der uns mit seiner stillen, versteckten Persönlichkeit beeindruckt hatte. Es ist bis heute so geblieben. Er überrascht uns jeden Tag aufs Neue.


 


Samstag, 14 h 30. Keine Frau Gorski, kein Willi. Wird sie uns nicht finden? Verspätet sie sich nur? Hat sie es sich doch anders überlegt? Selbst mein Mann wurde langsam nervös. Nachdem ich unzählige Male zur Haustür gelaufen war, endlich das fremde Auto auf dem Grundstück. Sie sind da. Meine ersten Worte waren nicht „Guten Tag“, sondern „Wo ist Willi?“ „Im Auto“ Gott sei Dank. Das Warten hatte ein Ende. Ich nahm die verdutzte Frau Gorski in den Arm. Ich war einfach nur glücklich. Willi stieg gelassen aus, begrüßte uns nebenbei, sagt freundlich den Hühnern, die überall herumgackerten guten Tag und schnüffelte langsam über den Hof. Ist das alles? Kann ich jetzt vielleicht erst einmal meinen Schlafplatz sehen? Auch im Haus gab es kein wildes, aufgeregtes Gerenne. Keine Unruhe. Wie ein König, der seine Thronfolge antritt, inspizierte er etwas unsicher seine Umgebung, um sich dann nach unzähligen Drehungen zu einem Schläfchen auf dem Teppich nieder zu lassen.


Willi war zu Hause.


Die Formalitäten waren schnell erledigt und Frau Gorski verließ uns. Der Nachmittag gehörte jetzt uns. Wir machten einen kleinen Spaziergang, um Willi einen Teil seines neuen Reviers zu zeigen. Ohne Leine lief er vor und neben uns, ohne davon zu stürmen. Zum Spielen war er nicht zu bewegen. Zurück arbeitet wir auf dem Grundstück. Die Försterei liegt mitten im Wald, und es gibt keine Zäune. Die zweite Probe musste bestanden werden. Willi machte nicht einmal den Versuch, sich selbständig zu machen. Er blieb in unserer Nähe. Der Trecker verunsicherte ihn anfangs ein wenig. Umso mehr freute er sich, wenn Herrchen endlich wieder aus dem Monster stieg. Das Füttern der Schweine war für Willi der Höhepunkt des Tages. Stolz stellte er sich der Gefahr und war kaum davon abzuhalten, in die rosigen Schnauzen zu beißen. Es war ein schöner Tag für alle. Mit dem Fressen tat er sich schwer. Abwarten. Vielleicht die Umstellung. Auch beim Essen gab es kein Betteln. Am Abend legte er sich nicht auf seinen Platz, sondern rutschte immer näher an meinen Mann heran, bis er zusammengerollt wie eine Kugel zu seinen Füßen lag. Suchte er Schutz oder wollte er ihm nur sagen ich vertraue Dir, ich will Dein Freund sein, obwohl Du ein Mann bist. Die Nacht über schlief Willi auf seinem Platz. Problemlos. Es war, als lebte er schon immer mit uns.


Den Sonntag verbrachte  ich allein mit Willi. Langer Spaziergang, lange Mittagsstunde, ausgiebige Fellpflege und Schmusezeit. Am Abend kam dann mein Mann und brachte unseren Sohn mit, der von Willi ebenfalls akzeptiert wird. Unsere Katzen ignoriert er. Nur wenn Samson ihm um die Beine streicht, lässt er sich zu einem freundlichen Schnüffeln herab. Die Kaninchen, die frei auf dem Grundstück leben, waren anfangs höchst interessant und jagenswert. Aber nach einem kurzen „Hier“ hat er schnell gelernt, dass die Schwarz-Weißen zur Familie gehören.


Trotzdem kann ich einen großen Fehler an ihm nicht verheimliche. Ich glaube es gibt keinen Hund, der so laut schnarcht wie Willi.


Das Fressen macht weiter Probleme. Er ist viel zu dünn und frisst zu wenig. Vielleicht die Zähne? Das falsche Futter? Montag wird ein anderer Futtersack gekauft.


Die Nacht verbrachte Willi diesmal auf dem Sofa. Nicht zu unserer Freude. Er hat zwei weiche Matratzen als Liegeplätze zur Auswahl. Da muss es nun wirklich nicht das Sofa sein, zumal es dunkelblau ist. Da wir aber wissen wie anziehend Sofas auf Hunde wirken, machen wir uns damit keinen Erziehungsstress. Zwei Stühle an dem richtigen Platz lösen dieses nächtliche Problem. Auch seine Sabberfreudigkeit halten wir durch genau platzierte Lätzchen, jederzeit griffbereit und wischfreudig, in Grenzen. Die Reste, die beim Schütteln dann doch einmal im Raum landen ignorieren wir bis zum nächsten Putztag.


 


Montag:


Das Wetter ist phantastisch. Ich sitze in der Sonne und Willi liegt ca. 1 ½  m hinter mir. Mein Mann kommt, beugt sich herunter und will mir einen Kuss geben. Mit Willi haben wir nicht gerechnet. Blitzschnell ist er bei mir, knurrt verhalten und sagt meinem Mann damit eindeutig: Bis hier her und nicht weiter. Freundlich, aber bestimmt machen wir ihm klar, dass dies eine völlig normale Situation sei, an die er sich gewöhnen müsste. Wir streicheln ihn und Willi scheint zufrieden. Dieser Vorfall wiederholt sich bei einer späteren Umarmung noch einmal. Ich halte mich in den nächsten Tagen im Umgang mit Willi zurück und das Problem ist gelöst. Heute beschützt er uns beide, nicht gegeneinander, sondern gegenüber Dritten. Diese Situation entscheidet er selbst. Manchmal leider auch gegen gute Freunde. Ein Anlass ist nicht zu ersehen. Wahrscheinlich Altlasten aus seiner Vergangenheit. Er reagiert aber sofort auf „Es ist gut, Willi.“ Bleibt trotzdem in unserer Nähe bis er die Lage wieder als entspannt ansieht.


Meine Spaziergänge mit Willi sind immer noch etwas anstrengend. Jogger kosten mich die letzte Kraft. Wir werden doch einmal die  Hundeschule ins Auge fassen. Willi lernt sehr schnell. Das Problem wird sich lösen lassen. Vielleicht reizt ihn in diesem Moment nur die Leine, da er ohne viel ruhiger ist. Nur möchte ich das nicht an unseren harmlosen Waldläufern ausprobieren.


Willi frisst immer noch schlecht. Trotz Bewegung und viel frischer Luft. Die nächsten Tage verlaufen ruhig, ohne Vorkommnisse. Warum auch, bei einem solchen Hund.


Der Besuch beim Tierarzt steht an. Wie wird Willi sich benehmen? Welch eine Frage. Gelassen wie immer. Schuppige Haut und stumpfes Fell begutachten, Zähne überprüfen, Impfen, Wurmkur, Ohrenentzündung bekämpfen, Analdrüse ausdrücken. Begeistert war er natürlich nicht. Aber es musste sein. Willi stank immer. Noch ein Mittelchen für seine Kondition, ein Shampoo für seine Haut und es war geschafft. Nach zwei Tagen stank Willi nicht mehr, aber mit mir unter die Dusche zu gehen hat er sich strikt geweigert. Er zeigt panische Angst vor dem Wasser. Wir warten nun auf den Hochsommer in der Hoffnung, dass er dann für eine Abkühlung dankbar sein könnte.


Mittlerweile spielt Willi auch mit dem Bällchen. Natürlich nicht wie andere Hunde. Hinterherstürmen ist langweilig. Einmal, das reicht. Fliegt der Tennisball aber in die Luft wird auch der Hund zum Ball. Sich mit allen Vieren vom Boden lösend, springt er hinterher und dies mehrmals. Es ist einfach filmreif. Wenn Willi sich freut sollte man möglichst weit an seinem Kopf stehen, denn beim Schwanzwedeln verteilt er eher Peitschenhiebe.


In seinen schnellen 5 Minuten ist Vorsicht geboten. Er rast schnell wie ein Pfeil um uns herum, schlägt Haken wie ein Hase und versucht, uns aus vollem Lauf heraus anzuspringen. Weicht man ihm aus und klatscht dann in die Hände, ist seine Freude kaum noch zu bremsen. Dabei erlaubt er sich manchmal einen übermütigen Biss in den Arm. Nicht schmerzhaft aber doch spürbar. Hier endet das Spiel mit einem heftigen „Aus“.


Willi nimmt zu. Ganz einfach. Wir mischen etwas Nassfutter unter das Trockenfutter. Er ist eben wählerisch.


Seine meist etwas geduckte Körperhaltung strafft sich langsam. Leider ist er sich immer noch nicht ganz sicher, dass nicht doch noch irgendwo Schläge auf ihn lauern könnten und zieht den Kopf zurück, wenn die Hand zum Streicheln von oben kommt. Seine Muskulatur entwickelt sich und der Tierarzt ist mit uns zufrieden. Geduld. Keine Überforderung. Versäumtes kann nicht so schnell wieder aufgeholt werden.



 


Herrchen läuft mir langsam den Rang ab. Ist ja auch klar. Ein kleines Leberwurstbrot nach dem Abendbrot. Mit Herrchen im Wald, natürlich ohne Leine. Da darf er dann auch mal einen Hasen jagen. Herrchen hat sowieso immer Zeit und immer eine Hand fei ihn zu streicheln.


 


Waldkutschfahrt in Christianslust. Die erste Begegnung mit einem Rüden (Anton). Die Kutscher sitzen gemütlich draußen und machen ihre Mittagspause. Auch unser Freund Bernd ist dabei, mit Anton. Ebenso mein Mann mit Willi. Na klar. Wo mein Mann ist, ist auch Willi. Mir war die Situation gar nicht bewusst. Ich puzzelte im Haus herum und als ich nach draußen ging, kam Anton mir entgegen. Der Schreck war groß, denn wir wussten ja nicht, wie Willi sich gegenüber anderen Rüden verhalten würde. Und da kam er auch schon, aber nicht zum beißen, sondern um zu schauen wo Anton bliebe, mit dem er die ganze Zeit auf der Wiese gespielt hatte. Typisch mein Mann. Bei solchen Proben lassen wir das ängstliche Frauchen lieber aus dem Spiel.


Anton ist wesentlich kleiner als Willi. Wir hoffen trotzdem, dass seine friedliche Grundhaltung auch für große Hund gilt. Selbst Morna, eine zickige Terrierhündin, wurde im Haus geduldet und durfte seinen Fressnapf leeren.


 


Thyggo und Thor haben wir trotz unseres Glücks mit Willi nicht vergessen. Sie sind es wohl, die uns Willi schickten und all ihre guten Eigenschaften in ihm vereint haben.


Wir sind froh, dass Willi sich bei uns wohl fühlt und uns mit liebevollen Schmuseeinheiten verwöhnt. Es gibt nichts schöneres, wenn einem Willi seinen schweren Kopf mit den langen Sabberlefzen vertrauensvoll in die Hände legt und seufzt.


Was für ein Hund. Ihn konnte man nicht brechen. Still und charakterfest hat er sein bisheriges Leben, das wir nur ahnen können, gemeistert und geduldig darauf gewartet seine Treue einem Menschen schenken zu können.


 


Wir bewundern diesen Hund, dessen linker hinterer Oberschenkel eine einzige riesige Narbe ist. Die größte von unzähligen, die seinen ganzen Körper bedecken.


 


Dascha, Willi und ihre Menschen


 


Ein Bericht über unseren Pflegehund, der bewusst machen soll, in welche Verantwortung man sich begibt, stimmt man einem Pflegeplatz zu.


 


So schnell kommt man auf den Hund bzw. auf den Zweithund.


 


Über Frau Gorski fanden wir unsren Willi. Auch bei Willi ist wohl wie bei allen Doggen, die ihr endgültiges Zuhause gefunden haben, die wunderbare „Vorher-Nachher“ Wandlung erfolgt. Haut und Fell haben sich regeneriert, und die unzähligen kleinen Wunden sind kaum noch zu sehen. Aus einem stumpfen Ocker ist ein glänzendes Rehbraun mit Aalstrich geworden. Von geduckter Haltung keine Spur mehr. Willi ist ein einziges Kraftpaket. In meinem ersten Bericht schrieb ich, dass er etwas unsicher seine Thronfolge antrat. Heute ist er König in Christianslust, der sein Herrchen über alles liebt. Tolerant zu Mensch und Tier, aber immer wachsam und bereit seine Familie jederzeit zu verteidigen.


 


Unterstützung hat er nun durch unsere Dascha bekommen, die schon nach ein paar Tagen einem unserer Jäger eindeutig klar machte, wie man sich in einem Haus in dem zwei Doggen leben, zu bewegen hat. Er, der leise durch das Haus schlich, um uns nicht in der Mittagsstunde zu stören, wurde von ihr hoch aufgerichtet, Auge in Auge und böse knurrend festgehalten.


 


Nachdem Willi ca. vier Wochen bei uns war, erreichte uns der Notruf von Frau Gorski, dass eine zur Zucht missbrauchte, an einem Tierheim angebundene und so entsorgte Doggenhündin dringend in einer Pflegefamilie untergebracht werden müsse. Sie könne nicht allein bleiben, würde ihre Umgebung zerstören und sich dabei selbst verletzen. Nachdem wir Aileen noch aus Unsicherheit abgelehnt hatten, und uns viele, viele Gedanken über das „Für und Wider“ eines Pflegeplatzes gemacht hatten, sagten wir sofort zu. Dass  Theorie und Praxis manchmal Welten trennen erfuhr ich dann nach ca. drei Monaten.


 


Unser Sohn und ich holten Dascha am frühen Nachmittag eines strahlenden Sonnentages (im Auto glühende Hitze) an einer verabredeten Autobahnabfahrt ab. Sie hatte hunderte Kilometer hinter sich, die die Helfer der „Doggen-Nothilfe“ reibungslos organisierten. Dascha kletterte aus dem Wagen. Schwarz – Weiß. Unheimlich lang, unheimlich mager, keine Muskulatur. Eine rosa Schnauze. Ein Auge mit einem weißen Fleck, das andere feuerrot und einem Gesäuge von dem wir uns nicht vorstellen können, wie viele Zwerge es schon genährt haben mag. Sie wusste überhaupt nicht mehr, was mit ihr geschah. Wieder fremde Menschen, die ihr ein Leckerli gaben, welches sie gar nicht wollte, ihr Wasser anboten, das sie ablehnte. Wieder ein fremdes Auto, in das sie geduldig einstieg. Herr St., der die letzte Wegstrecke fuhr, möge mir verzeihen. Meine Konversation war derartig oberflächlich, aber ich hatte nur den einen Wunsch, Dascha so schnell wie möglich nach Hause zu bringen.


 


Irgendwie verloren lag dieser große Hund in dem mit einem Mal riesig erscheinenden Geländewagen und ignorierte das Streicheln unseres Sohnes. Und wieder Kilometer um Kilometer bis endlich der Wald in Sicht kam. Wer die Geschichte von Willi (Sir Wilfried im Wald) gelesen hat, weiß, dass mein Mann Förster ist und wir im Wald leben. Für Spaziergänger mit Hund hat er ein eingezäuntes Gelände zur Verfügung gestellt in dem sich beide leinenfrei bewegen können. Das sogenannte „Hundefreilaufgatter“. Hier sollte nun der erste Kontakt stattfinden. Wir hatten Dascha nie zuvor gesehen und waren uns völlig fremd. In mir machte sich der schreckliche Gedanke breit, was sein würde, sollte sie uns völlig ablehnte.  Wie wird Willi auf sie reagieren? Völlige Ablehnung – was dann? Ein Tier ist kein Umtauschobjekt. Alle angeblich so wohl überdachten Entscheidungen zerplatzten mit einem Mal wie tausend Seifenblasen. Es gab kein Wenn und Aber und wir ließen Dascha ins Gatter. Streichelten sie und begannen unseren Spaziergang. Sie folgte uns nicht. Überwältigt von den Gerüchen versank ihre Nase im Gras, Heidekraut, vermoderten Baumstümpfen und fremden Hundespuren. Wir überließen sie ihren Eindrücken und setzten unseren Weg fort. Irgendwann gesellte sie sich wieder zu uns. Schwanzwedelnd. Jetzt war der Moment gekommen, Willi zu holen. Mein Mann war zwischenzeitlich zu uns gestoßen und ließ Willi aus seinem Wagen. Erfreut über Damenbesuch begrüßte er Dascha. Forderte sie zu einem Spiel auf, welches Dascha, zwar fröhlich begonnen, schnell abbrach. Damals glaubten wir noch, es läge an der Hitze und der anstrengenden Autofahrt, die sie hinter sich hatte.


 


Es gab keinerlei Aggressionen und beide stiegen zu mir in den Wagen. Es ging nun endgültig nach Hause. Dass es für Dascha wirklich endgültig sein würde, ahnte zu diesem Zeitpunkt keiner von uns.


 


Auch im Haus gab es zwischen den Hunden keine Probleme. Willi schien mit seiner Pflegeschwester zufrieden. Immer wieder versuchte er ein Spiel mit ihr, doch Dascha lehnte seine Aktivität ab und mir fiel ihre Lahmheit vorne rechts auf. Ich glaubte, Willi wäre wohl doch zu übermütig mit ihr umgegangen und machte mir weiter keine Gedanken.


 


Dascha fand die Hundeplätze von allein, war aber sofort bei mir, sobald ich aus ihrer Sichtweite geriet. Es war rührend, wie sie mir auf Schritt und Tritt folgte und sich an mich schmiegte. Doch ich wusste, wie schrecklich diese Situation für sie war. Völlig übermüdet wollte sie so gerne schlafen, ließ mich aber nicht aus den Augen. Immer startbereit, mir jederzeit zu folgen, war sie in ihrer Verlustangst gefangen.


Die Vernunft löste meine Rührung ab.


Diese ersten Stunden waren meine Chance, sie so schnell wie möglich von ihren Ängsten zu befreien.             


Die Arbeit begann.


Jetzt hatte ich sie im Auge. Jeden meiner Schritte, jedes Entfernen von ihr kontrollierte ich und beobachtete ihre Reaktionen. Ich streichelte sie nicht mehr, wenn sie mir folgte. Ignorierte sie oder schickte sie auf ihren Platz zurück. Dort musste sie dann wenige Minuten bleiben, auch wenn ich mich von ihr ein paar Meter entfernte. Immer wieder hieß es: „Geh Platz und bleib“, bis sie liegen blieb und ich mich aus dem Raum entfernen konnte. Anfangs nur für Sekunden. Ich musste schnellstens zurück sein, um sie liegend für ihre Tapferkeit mit Schmuseeinheiten belohnen zu können. So vergingen der restliche Nachmittag und der ganze Abend. Konsequent war ich nur damit beschäftigt, mich zu kontrollieren. Wann streichle ich sie, wann ist wieder der Moment gekommen, sie ablegen zu können? usw. Nie laut, nie als Befehl, nie strafend. Als würde ich sagen: „Vielen Dank für den Tee“.


Dascha fraß nur, wenn ich bei ihr stehen blieb. Ich ließ dies durchgehen, da sie klapperdürr war. Die Nacht verlief problemlos.


 


Am nächsten Tag ging es weiter. Ich schloss manchmal die Tür und ließ sie mit einem „Bleib“ davor stehen. Werkelte dann laut in der Küche, um nach kurzer Zeit die Tür wieder zu öffnen und ohne sie zu belohnen wie selbstverständlich an ihr vorbei ins Wohnzimmer zu gehen. Manchmal wurde die Tür nur für einen kurzen Moment geschlossen. Das nächste Mal etwas länger. Einmal war es die Küchentür, einmal die Badezimmertür, usw. Und immer, wenn sich die Möglichkeit anbot, übten wir das „Geh Platz und bleib“. 


                                                        Tag für Tag.


Die konsequente Mühe hat sich gelohnt. Nach zwei Wochen versuchten wir, Dascha mit Willi allein zu lassen.                            Nichts geschah.


Nach vier Wochen ließen wir sie ohne Willi allein. Ganz wohl war mir, ehrlich gesagt, nicht. Wer hat schon gern eine zerstörte Wohnung? Doch mein Mann hatte vollstes Vertrauen in sie, es gab keine Alternative.     Nichts geschah.


Nach sechs Wochen ließ ich sie an einem fremden Ort zurück. Sie würde Tage auf mich warten, ohne Schaden anzurichten. Ihre Verlustangst ist dem Vertrauen gewichen, und sie führt heute ein unbeschwertes Leben.


 


Daschas Eingewöhnung erfolgte problemlos. Ich war ihr Frauchen. Mein Mann und Willi interessierten sie weniger. Doch Willi begann uns Sorgen zu machen. Nach ca. einer Woche ließ er Dascha nicht mehr an uns heran. Es blieb nicht nur beim Drohen. Er begann, sie weg zu beißen. Ganz extrem wurde die Situation, wenn es um sein Herrchen ging. Wir konnten ihn, der sei bisheriges Leben in einem Hühnerstall verbracht hatte, so gut verstehen. Endlich frei, endlich das Leben erleben können, mit Menschen, die ihm ihre ganze Zuwendung gaben. Es war klar. Er wollte seine Menschen für sich ganz allein. Aber ich konnte Dascha nicht wie irgendeinen Hund behandeln. Sie lebte mit uns, tat alles, sich für uns unauffällig, in unseren Tagesablauf einzufädeln, und unsere Bindung zueinander wurde von Tag zu Tag stärker. Das, was mit Willi und meinem Mann geschehen war, wiederholt sich jetzt bei Dascha und mir. Mein Mann streichelte Dascha nur noch, wenn Willi außer Sichtweite war. Ausgedehnte Begrüßungen nach unserer Heimkehr vermieden wir. Doch dies war keine Lösung. Also begannen wir, „kontrolliert“ beide Hunde gleichzeitig zu streicheln. Sobald Willi ein leises Unheil verheißendes Grollen verhören ließ, wurde er mit einem „Nun hör aber mal auf, Willi“ von seinem Vorhaben abgelenkt, ohne das Streicheln beider zu unterbrechen. Seine Eifersuchtsanfälle verringerten sich deutlich.


Eigentlich müsste er Dascha dankbar sein, denn sie hat auch für ihn schon am dritten Abend das kleine blaue Sofa als Hundesofa erobert. Sehr zu meiner Verwunderung. Doch wie gebannt verfolgten mein Mann und ich, wie sie ungelenk, aber selbstverständlich hinauf kletterte und sich mit einem lauten, zufriedenen Seufzer darauf nieder ließ. Keiner von uns sprach ein Verbot aus.   Merkwürdig.


Wie Willi ist auch Dascha hoftreu und wie Willi hat auch sie schnell gelernt, dass freilaufende Hühner, Enten, Gänse, Kaninchen und Katzen nicht gejagt werden dürfen. Hündinnen, ob klein oder groß, sind ebenfalls kein Problem für sie.


 


 Daschas Lahmheit war auch nach zwei Wochen noch nicht verschwunden. Sie wehrte weiterhin jedes Spiel mit Willi ab. Weder Stock noch Bällchen interessierten sie. An ausgedehnte Radtouren, wie ich sie mit Willi durch den Wald unternehme, war nicht zu denken. Oftmals brach ich unsere Spaziergänge schon nach 10 Minuten wieder ab, da Dascha nur noch langsam, kraft- und lustlos 1,5 Meter hinter mir ging.


Das Röntgenbild des Beines brachte keine Klärung und das verabreichte Medikament zeigte auch nach einem Monat keine Besserung.


Die Zeit verging und ich begann den Tag zu fürchten, an dem Frau Gorski eine Familie für Dascha finden würde und ich mich von ihr trennen müsste. Sie gehörte einfach zu uns, zu den Menschen, die sie lieb hatten, und zu dem Frauchen, das ihr die Angst vor dem Verlassen werden genommen hatte. Was würde mit ihr geschehen, wenn auch ich sie im Stich lassen würde? Sie konnte ja nicht verstehen, dass eine neue Familie ebenfalls ihr Glück bedeuten könnte. Doch ich dachte auch an Willi und an alle Doggen, die noch auf Pflegestellen warten, um an Leib und Seele geheilt zu werden. Es war eine schwere Zeit. Immer wieder versuchte ich, diese Gedanken zu verdrängen.


Durch einen glücklichen Zufall lernte ich einen Spezialisten, selbst Doggenbesitzer mit viel Erfahrung kennen, der sich besonders auf dem Fachgebiet der Knochenheilkunde hervorgetan hat. Dieser hat festgestellt, dass Daschas Lahmheit eine Schmerzentlastungshaltung des Rückens sei. Er empfahl mir eine Doggentierärztin und erwähnte im Gespräch, dass die Sensibilität der Doggen einen mehrfachen Vertrauensbruch nicht verkraftet.


 


 


Und dann kam er:                 Der gefürchtete Anruf von Frau Gorski


 


Ein Interessent für Dascha hatte sich gemeldet. Meine ersten Worte waren: „Oh, nein“. Wir besprachen meine Sorge um Dascha und um Willi. Trotzdem war ich mit meiner Entscheidung allein und bat, mir noch ein wenig Zeit zu lassen. Doch die Zeit war knapp geworden. Dascha lebte nun schon zwei Monate mit uns. Hatte ihr Frauchen, dem sie bedingungslos vertraute, gesucht und gefunden. Mein Herz konnte sie schon längst nicht mehr gehen lassen.    Wie sollte ich mich nur entscheiden?


 


Die Tierärztin erstellte ein Röntgenbild, das eine „Verknöcherung“ des Rückens erkennen ließ. 2/3 der Wirbelsäule ist befallen. Sie hat ein Kugelherz und ihr bei flüchtiger Zahnbeschau geschätztes Alter ist mindestens sechs Jahre. Das Anheben der Rute war ohne Beißversuch nicht möglich. Dascha würde bis an ihr Lebensende Medikamente nehmen müssen und durch Akupunktur könne der unangenehme Druck des Rückens entlastet werden. 


Mit dieser Diagnose lösten sich alle meine Probleme von allein. Es stand fest: Dascha bleibt in Christianslust. Bei uns, bei Willi, bei mir und ich werde jede tierärztliche Möglichkeit ausschöpfen, ihr ihren Lebensabend so angenehm wie möglich zu machen. Sie wird ihre letzten Jahre glücklich, frei, von allen geliebt und ohne Ängste verbringen, niemals mehr Welpen groß ziehen müssen und endlich wieder Kraft tanken können, um eine rüstige Rentnerin zu werden.


 


Zu Hause teilte ich meinen Entschluss mit. Die Antwort meines Mannes: „Ich weiß“.


 


Und heute: Willi hat erkannt, dass ihm nichts genommen wurde. Sein Herrchen ist sein Herrchen geblieben und Frauchen hat ihn genauso lieb wie vorher. Geschmust wird jetzt umso mehr. Er hat das Wegbeißen durch Wegdrängen ersetzt und freut sich über Dascha, wenn ich mit ihr nach Hause komme. Da Dascha Kräfte sammelt, ist sie heute in der Lage, den Spielaufforderungen unseres Rüpels kurzzeitig zu folgen. Beim Hundespiel ist er wirklich ein Rüpel. Grob, ungestüm. Sich seiner Kraft voll bewusst und diese einsetzend, ist er aber auch in der Lage liebevoll und unterwürfig mit ihr zu kuscheln. Er gibt die Hoffnung nicht auf. Sein Traum ist es, eines Tages mit ihr durch den Wald toben zu können, um dabei Frauchen auf dem Rad keuchend, weit hinter sich zu lassen.


 


Für den Kampf um den Lieblingsplatz hat er sich eine ganz neue Taktik ausgedacht. Wenn Dascha seiner Meinung nach das Sofa schon zu lange in Beschlag genommen hat, fängt er völlig grundlos an zu knurren und erhebt sich ganz langsam, nur darauf wartend, dass Dascha verteidigungsbereit zur Tür stürmt. Und damit hat sie auch schon den Sofaplatz eingebüßt. Sobald sie an ihm vorbei ist, dreht er um und das Sofa hat seinen Besitzer gewechselt.


 


Ich bin heute der Meinung, dass wir Willi einfach überfordert haben. Selbst gerade erst vier Wochen bei uns, in die absolute Freiheit entlassen, ging für ihn alles viel zu schnell.


In meinem ersten Bericht schrieb ich noch unwissend über Futterprobleme. Über Angst vor Wasser usw.. Dann erhielten wir den Bericht der ersten Familie, die Willi aufgenommen hatte, nachdem er aus einem Hühnerstall freigekauft wurde. Es gab dort nur schwarze Erde, Hühner-Hundekot und Wasser aus einem Matschloch. Keinen Saufnapf, keinen Fessnapf und für einen Hund keinen Einlass in das schützende Hühnerhaus. Egal ob Sonne, Wind, Regen oder Schnee. 


Noch heute setzt Willi keinen Schritt vor die Tür, wenn sich ein paar Tropfen aus dem Himmel lösen. Und es muss einen Menschen gegeben haben, der ihn mit Schlägen gequält hat. Warum, ist uns unbegreiflich. Seine riesige Narbe an der Hinterhand ist nicht, wie vermutet, durch Stacheldraht entstanden. Da sind wir uns heute absolut sicher. Für die Waldreiterspiele verwenden wir als Zuschauerabgrenzung dicke Schiffstaue. Allein das Abrollen verunsicherte Willi völlig.


Wir haben Rinder. Wo Rinder sind, sind auch Fladen. Auch Willi lässt sich gelegentlich gern zum Wälzen einladen. Das erstmalige Entsorgen auf seinem Hunderücken hat unseren Verdacht dann bestätigt. Wir holten den Gartenschlauch, säuberlich aufgerollt. Kein Problem. Für Willi schon. Er war nicht, wie üblich, an unserer Seite, sondern stand fluchtbereit in sicherer Entfernung. Wir hatten dies nicht erkannt. Mein Mann ging mit dem lose schwingenden Ende auf ihn zu, Willi verschwand im Wald. Im wahrsten Sinne des Wortes wurde und –schlagartig- bewusst, was wir ihm angetan hatten. Ich glaube, ich brauche nichts weiter zu erklären.


 


Rufen war zwecklos. Mein Mann ging ihm nach. Es hat schon eine Weile gedauert, bis Willi seine Entschuldigung annahm und freudig an der Seite seines Herrchens zurückkehrte. Tolerant, wie Willi nur sein kann, hat er uns diese grobe Unbesonnenheit verziehen. Er ist eben ein Prachtkerl. Natürlich gibt es für Willi immer noch Kuhfladen, aber einen Schlauch wird er bis zu seinem Lebensende nicht mehr zu Gesicht bekommen. Schwamm und Wassereimer erfüllen den gleichen Zweck.


 


Und Dascha:


 


Sie ist einfach mit allem zufrieden. Nicht wie Willi, der sich beleidigt auf das Sofa zurückzieht und mit uns mault, wenn er sein Herrchen einmal nicht begleiten kann. Dascha stört es nicht, wenn Willi und Herrchen ihre Stunden im Wald verbringen. Sie dreht lieber mit Frauchen ihre kleinen Runden und heimst überall Komplimente ein. Selbstbewusst lenkt sie ihr „Willirudel“. Sie bestimmt zum Beispiel, wer zuerst durch eine Tür geht oder wer zuerst nach dem eingeweichten Trockenfutter schauen darf. Ohne jede Aggression, lediglich durch ihre Körpersprache.


Sie folgt mir immer noch. Aber angstfrei, wie jeder Hund, der am Leben seines Herrchens oder Frauchens teilnimmt und fragt: „Was machen wir denn jetzt?“ Dascha frisst ganz normal auch ohne mich. Es begann, als feststand, dass sie in Christianslust bleiben würde.


            Einbildung?


Sie ist der Liebling der Tierarztpraxis. Jeden Montag, wenn wir zur Akupunktur gehen, wartet man schon auf sie, um neue Fortschritte entdecken zu können. Alle sind begeistert von ihr, die mit Nadeln gespickt neben mir liegt, und sich von weiteren Patienten nicht stören lässt.


Schmusen ist ihre Lieblingsbeschäftigung. Sich fest an mich drückend und mich dabei von unten mit dem „Lady Di“-Blick anschauend (man möge mir diesen Vergleich nicht übel nehmen) schafft sie es immer wieder, die nach ihrer Meinung überfälligen Streicheleinheiten einzufordern.


Dascha hat ihr Idealgewicht erreicht. Akupunktur und Medikamente schlagen an. Sie beginnt, ihre Vorhand zu belasten und Muskulatur hat sich entwickelt. Wir können zuschauen, wie täglich Energie und damit mehr und mehr Lebensfreude zurückkehren.


Immer wieder treffe ich auf sogenannte „Hundekenner“, die mich auf meine „Zuchthündin“ ansprechen, die sich durch kraftvollen Körperbau und perfekte Farbgebung auszeichnen  würde, obwohl ihr an Schulterhöhe ein paar Zentimeter fehlten. Dieser „Kennerblick“ für das „Material“ lässt mich immer wieder unfreundlich und abweisend reagieren. Für mich ist sie meine Dascha, die gerne mit ihrem Frauchen spielt. Keine wilden „Willispiele“, sondern vorsichtiges Bedrängen mit übermütigem, aber immer liebevollem Bekauen meiner Hände. So zärtlich wird sie wohl auch mit ihren unzähligen Welpen gespielt haben.


 


 


Meine sanfte Riesin.


 


Sie war Mitte des Jahres läufig. Wohl das erste Mal in ihrem Leben ohne gedeckt zu werden. Doch es hat ihr nichts genützt. Sie ist zurzeit scheinträchtig und hat Milch gebildet. Wieder Medikamente, die ihrer Entwicklung bestimmt nicht dienlich sind. Um weitere Schwierigkeiten zu vermeiden, ist das Entfernen der Gebärmutter notwendig.


 


Jetzt, darüber schreiben, macht sich eine Mordswut in mir breit. Warum sind wir nicht in der Lage, den profitgierigen Züchtern und Vermehrern das Handwerk zu legen?


Wann hört der Mensch endlich auf, seinen treuesten Begleiter wie eine Einwegflasche zu behandeln? Und besonders wütend bin ich über mich, die bequem in ihrem Sessel sitzt. Über Willi, Dascha und sich selbst schreibt, aber nichts unternimmt.


Aber immerhin:


Zwei Doggen haben bei uns ihr Zuhause gefunden. Zwei, die einen absoluten Bund mit ihrem Herrchen und Frauchen eingegangen sind.


 


 


 


Wir sind unheimlich stolz auf sie.


 


 


 


 


 


 


 


Liebe Frau Gorski


 


Thyggo und Thor haben unseren Willi zu sich in den stillen Wald geholt.


 


Unsere Försterei brannte am 1.4. ab.


Da uns danach nur ein kleiner Wohnwagen zur Verfügung stand, brachten wir Dascha und Willi in einer Tierpension unter. Nach über einem Monat konnten wir endlich die beiden zurückholen. Dascha ging es gut, doch Willi wog nur noch 52kg (64kg war sein Normalgewicht). Er hustete leicht und seine Schnauze war fast weiß geworden.


Er hat sein Herrchen unendlich vermisst.


Wir reduzierten seine normale Futtermenge, um seinen Magen zu schonen und er bekam Medikamente gegen seine Erkältung, die sich später als Lungenentzündung herausstellte. Drei Tage ging alles gut, doch dann konnte sein Leben nur noch durch eine Operation gerettet werden. Der vergebliche Versuch, sich zu erbrechen und weißer klebriger Schleim lösten bei mir sofort das Alarmsignal aus. Unsere Tierärztin operierte Willi sofort.


Vier Tage haben Willi und wir um sein Leben gekämpft. Wir glaubten es geschafft zu haben, doch am dritten Tag setzten Fieber und eitriger Nasenausfluss ein. Das Antibiotikum hatte nicht angeschlagen.


Am 4. Tag haben wir den Kampf verloren. Ich wollte mit ihm wie jeden Tag in die Praxis fahren, damit er an den Tropf gelegt werden konnte. Doch diesmal stieg er nicht ins Auto. Ich musste ihn hineinheben. Angekommen stieg er nicht aus. Wir trugen ihn hinein. Das Fieber war gestiegen. Ich saß wie immer bei ihm, hielt seine Pfote um die Kanüle zu stabilisieren, den anderen Arm an seinem Kopf, um ihm nah zu sein. Wie er es so fixiert, schaffte seinen Kopf in meinen Arm zu kuscheln, kann ich nicht sagen. Aber er schaffte es, und ich legte meinen Kopf an seinen und begann zu weinen. Ich spürte seinen Abschied. 2 Stunden lag er geduldig da. Zu Hause stieg er nicht auf sein Sofa, sondern legte sich auf seine Matratze und wartete. Dann kam sein Herrchen und fragte mich, warum ich so blass sei. Willi richtete sich auf. Herrchen nahm ihn in den Arm und Willi folgte Thyggo und Thor in den stillen Wald.


 


Das Schuldgefühl wird verblassen. Die Erinnerung an unseren treuen Begleiter ist beständig.


Sein Leben lang hat Willi darauf gewartet, seine Treue seinen Menschen schenken zu können, und er hat Stunden gewartet, um sich treu von seinem Menschen zu verabschieden.


Willi lebt in unseren Herzen.


Er ist im Märchenwald begraben.


 


Die Bilder aus unserer glücklichen Zeit haben Sie von uns bekommen, und so sollen Sie nun auch die letzten Aufnahmen von Willi erhalten, die wir am ersten Tag machten, nachdem er wieder zu Hause war. Sie zeigen den Wohncontainer, in dem wir Platz hatten unsere Schnuten zurückzuholen und Willi auf seinem Sofa, grau geworden, aber endlich wieder bei seinen Menschen.


 


Ihre Försterfamilie


 


by Lydia Muus E-Mail        

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